Rotkäppchen
Das rote Käppchen von Rapunzel

In einem Turm so hoch, dass er fast den Himmel berührte, lebte einst ein wunderschönes Mädchen das auf den hässlichen Namen Rapunzel hörte. Tag ein Tag aus sass sie am einzigen Fenster, liess ihre nackten Beine über die Brüstung baumeln und sang ein Lied. Ihr rotsamtenes langes Kleid benutzte sie dabei als Polster für den Allerwertesten. Niemand wusste, weshalb sie dort oben sass und sang, aber alle sahen, dass sie auf dem holden Haupte ein rotes Käppchen trug, passend zu ihrem Kleid. Dieses Käppchen sass so satt, dass kein einziges Häärchen sichtbar war, das hatte der Schweinehirt, der immer in der Nähe war und als einziger über ein Fernglas verfügte, klar gesehen. „Ein so schönes Mädchen mit braunen Rehaugen, einer Stimme reiner als Glockenklang, in einem kostbaren roten Kleid, ebensolchem Käppchen und langen Beinen und Füsschen wie aus Porzellan, welche Farbe mag da wohl ihr Haar haben?“ „Trägt sie zum roten Kleid auch rotes Haar? Ist ihr Haar schwarz wie Ebenholz oder gülden wie die Morgensonne?“ Solche Fragen beschäftigten nicht nur den Schweinehirten, sondern alle Menschen, die in der Gegend lebten. Aber da war niemand, der eine Antwort wusste. Darum wurde Rapunzel eines Tages vom Schweinehirten mit lautem Rufen in ihrem Gesang unterbrochen: „Schönes Mädel, sag’s mir klar, welcher Farbe ist dein Haar?“ „Endlich“, rief sie, „kommt die grosse Frage. Wer sie beim ersten Raten richtig beantwortet, erlöst mich und darf mich zur Frau nehmen. Wer aber falsch rät, der wird des Todes sein.“ Natürlich wagte nach dieser Antwort keiner, die grosse Frage zu beantworten.
Doch dann – es waren viele Monde vergangen - kam ein Prinz auf einem Rappen angeritten. Prinz Butterherz, so sein voller Name, hatte im Nachbarland die Kunde vom schönen Mädchen und dem Rätsel gehört. Und da er schon lange Zeit nach einer passenden Gefährtin suchte, machte er sich auf die Reise. Nun trieb er sich tagelang in der Nähe des Turms herum und lauschte dem Gesang der holden Maid.
Eines Tages beim ersten Morgenstrahl der Sonne erklang das Lied von Rapunzel. Doch es kam nicht aus ihrem holden Munde, sondern aus jenem von Prinz Butterherz, eine Tonlage tiefer, kräftiger und begleitet von Lautenklängen. Rapunzel, die das Lied nur von sich selbst kannte, erschrak fürchterlich in ihrem Bett. Schnell eilte sie zum Fenster und neigte sich weit über die Brüstung, um zu sehen, wer sich da erfrechte, ihren Gesang zu imitieren. Aber oh weh, in der Eile vergass Rapunzel ihr Käppchen unter dem Kinn festzuschnüren. Ein kleiner Windhauch genügte und schon segelte es durch die Lüfte, rot, samten und sehr verräterisch. „Ooohhh…“, raunten die inzwischen in Scharen herbei gerannten Menschen als die Kappe fiel. Denn einige Strahlen der goldenen Morgensonne kitzelten frech Rapunzels Haupt, und was bis jetzt unter dem Käppchen verborgen war, zeigte sich nun unübersehbar, ja glänzte aus dem Fenster im Turm wie frisch poliert, - eine Glatze.

Marietta Kobald 2009

Sie hatten die Ehre, diese bezaubernde Geschichte weltweit als fast Erste/Erster zu geniessen. Für eine Veröffentlichung fand sich bisher leider kein Abnehmer.